0. Vorbemerkung
Nun
bin ich schon seit einer Weile wieder in Deutschland und habe mich
(fast) wieder an den hiesigen Alltag gewöhnt. Und doch ist es nicht so
wie vor meinem Aufenthalt in Ghana. Ich habe einige meiner
Einstellungen verändert und habe gelernt, viele Sachen wieder mehr zu
schätzen. Als ich in Ghana war freute ich mich u.a. darauf, endlich
wieder Käse essen zu können. Als ich dann hier war, hatte ich in den
ersten zwei Wochen Magen-Darm-Beschwerden, die mir den Genuss des
Käses deutlich erschwerten. Im Grunde genommen störte das jedoch nicht.
Es gibt Wichtigeres im Leben!
Wenn ich
gefragt werde, was ich mir aus Ghana mitgebracht habe, dann antworte
ich „Zeit“. Das klingt vielleicht komisch und ist für Außenstehende aus
nicht nachvollziehbar (Ich bin wie immer ständig unterwegs), doch ich
fühle in mir, dass ich die Zeit mehr schätze und sie entsprechend mehr
genieße.
Das ist ein schönes Mitbringsel und ich hoffe, ich kann es mir noch lange bewahren!
Ich
habe in diesem Bericht versucht, einige wenige meiner Erfahrungen,
Beobachtungen und Eindrücke zu sammeln. Es ist ein kleiner Ausschnitt
von dem, was ich in Ghana erlebt habe, doch das alles in den Computer
zu tippen würde viele, viele Tage dauern. Wer mehr Informationen haben
möchte, kann sich jederzeit bei mir melden oder aber mein Tagebuch
lesen. Dort sind meine guten und schlechten Eindrücke und Launen
festgehalten.
1. Warum ein Praktikum in Ghana?
Seit
Beginn meines Studiums im Jahre 1998 beschäftige ich mich mit der
Problematik „Behinderung und Dritte Welt“, zu der an der Uni
Oldenburg regelmäßig Seminare angeboten werden. Ich besuchte mehrere
Seminare zu diesem Thema und nahm mir vor, eines Tages selbst in ein
afrikanisches Land zu gehen und dort ein Praktikum zu absolvieren. Doch
immer wieder kam etwas dazwischen und nie schien der richtige Zeitpunkt
zu sein, bis ich nach mehreren Anfragen bei verschiedenen Einrichtungen
eine Zusage von Klaus Jahn für Ghana bekam.
In
meinem Bewerbungsschreiben wird meine Intention deutlich, warum ich es
für richtig halte, nach Ghana zu gehen und welche Vorerfahrungen ich
hatte.
(…) I’m a 23 year old student
in Oldenburg who wants to become a teacher for children with mentally
and physically disabilities. I am studying now since October 1998 and
still like it.
Before starting
university I have worked in a school for physically disabled children
and after that I lived in England for a year in a Camphill-Community
together with children and adults with special needs. I stayed in a
house with 12 children between 6 and 16 years and was responsible for
a 12 year old boy and a 14 year old Teenager. Both weren’t able to
speak and needed a lot of help in their daily needs. I lived there as
their “mum” (that’s how I felt) and helped them in their daily routine.
I also helped out at school as a class assistant. It was a hard but
great year and I learned a lot.
I still
keep in touch with the Community and the family of the younger boy.
Last year I helped out in the holidays and looked after him in his
family. Now I am planning to look after him in august for two weeks in
his holidays. In September I still need to do a practical work in
Germany at a school for children with physical disabilities as part of
my studies. (…)
Before finishing
university I would like to get some new impressions and learn more
about the life and work with children with special needs in other
countries, especially poorer countries where I guess special children
live a very hard life. I would love to get to know more about their
life.
That’s the reason why I would
like to go to Ghana as a voluntary to work and live there with children
with special needs, mentally and physically. A school-friend from my
father lives in Eikwe as a sister and works there as a doctor for many
years. Every year we are collecting money for the hospital she works
in. Sometimes she is coming for a visit to my hometown Bremerhaven. I
was always very interested in her stories about her life in Ghana. She
brought the country closer to me and woke up my interests in this
country. So I would like to get to know it closer now.
The
work with children with special needs is something I am really
interested in. I would love to get to know more about those children in
Ghana. (…)
2. Ankommen in Ghana - Erste Eindrücke – Kulturelle Einführung
Am
1. November 2001 war es dann soweit. Ich stand am Flughafen und wartete
auf den Abflug nach Accra. Nach einem Flug von Bremen nach Amsterdam
ging es weiter nach Accra, wo ich abends um 20.30 Uhr ankam. Ich holte
mein Gepäck und verließ das Flughafengebäude. Dort erwartete mich eine
Hitzewand und der typische Ghana-Geruch. Die Luft stand still.
Miriam,
Martin Gozah und Constance holten mich ab. Wir setzten Constance bei
ihrer Wohnung ab und fuhren weiter nach Battor, wo Martin als
Schulleiter und Miriam momentan als Volunteer arbeiten. Dort bekamen
wir noch Reis zum Abendbrot, bevor es dann ins Bett ging. Ich war sehr
müde, doch die erste Nacht war heiß. Ich konnte kaum schlafen.
In
den nächsten Tagen schaute ich mir die Schule an, spielte mit den
Kindern, lernte Battor und seine Leute kennen, fuhr mit Martin nach
Accra und führte ein Gespräch mit Martin über die ghanaische Kultur.
Nach
einer Woche sollte es per STC-Vanef-Bus (= Ghanaische Busgesellschaft)
von Accra nach Wa gehen. Martin sollte mich begleiten.
Wir
fuhren nach Accra und mussten dort feststellen, dass der Bus nicht an
jenem Tage fuhr und die folgenden Tage schon ausgebucht war. So wurde
aus der einen Woche Battor zwei Wochen. Ich war enttäuscht und wollte
endlich dort ankommen, wo ich die nächsten Monate leben würde – in Wa.
3. Ankommen in Wa
Nach
einer langen Busfahrt, die, statt der vorgesehenen 12 Stunden, 15
Stunden dauerte, kamen wir nachts in Wa an. Ein Taxi brachte uns zum
Haus des Headmasters von WaDeaf. Dieser war schon im Bett und wusste
gar nichts von meinem Kommen. Er brachte mich vorerst in einem Hotel
unter.
Am nächsten Tag zeigte er mir die
Schule und die Unit for the mentally disabled (= MH-Unit). Die Unit
liegt auf dem Gelände der Gehörlosenschule und untersteht dem
Headmaster von WaDeaf. Ich lernte Louis, Judith und die Kinder kennen.
Am
folgenden Tage konnte ich endlich in mein Zimmer, welches im Haus von
Comfort, einer der Lehrerinnen von WaDeaf liegt. Dort wohnt sie mit
ihren beiden Kindern Samuel und Asja.
Ich freute mich, nach 15 Tagen endlich in Wa angekommen zu sein!
4. Meine Schule –MH-Unit an WaDeaf
Die
Unit for the mentally Handicapped (MH-Unit) ist erst im September 2000
entstanden. Das Gebäude besitzt drei Klassenräume, wobei es bisher 26
SchülerInnen gibt, die von Louis, Judith und Abdallah unterrichtet
werden.
Abdallah kam Ende November nach
Wa. Er hatte gerade sein Studium beendet, während die anderen schon
seit Beginn der Unit dort tätig waren.
Louis
ist für die älteren SchülerInnen zuständig, die im Alter von 9 und 20
Jahren sind, während Abdallah mit Judith die jüngeren SchülerInnen im
Alter von 5 und 14 Jahren unterrichtete. Meine Aufgabe sollte darin
bestehen, dass ich einzelne SchülerInnen oder Schülergruppen aus den
Klassen herausnehme und sie entsprechend ihren Fähigkeiten fördern
sollte.
Informationen aus einem Gespräch mit Louis:
Louis,
Unit Head der MH-Unit an WaDeaf, kam hierher im Oktober 2000, nachdem
er sein Uni-Studium in Cape Coast beendet hatte. Vorher lehrte er für 4
Jahre an der Universität seine Sprache und davor war er Englisch- und
Social-Studies-Teacher und Headmaster einer JSS (= Junior Secondary
School. Das entspricht unseren 7.-9. Klassen). Er ist 51 Jahre alt.
Bevor
er nach Wa kam, hospitierte er an der Schule für geistig Behinderte in
Kumasi und absolvierte ein vierwöchiges Praktikum in Sekondi.
Als
Louis nach Wa kam, hatte die Schule seit einem Monat begonnen. Sie
bestand aus 28 SchülerInnen jeglichen Alters und der Unterricht fand in
der Assembly Hall statt, da das Schulgebäude erst im Dezember zu
beziehen war. Das Schulgebäude und die geplanten Erweiterungspläne
sind von der GTZ (= Gesellschaft für technische Zusammenarbeit
Deutschland) bezahlt worden, die Schule gehört zum G.E.S. (= Ghana
Education Servive. Sie ist also staatlich.).
Momentan
gibt es drei Klassenräume und ein Office, in dem Materialien
untergebracht sind. Es gibt zwei Lehrer (Louis, Abdallah seit November
2001) und eine Attendant (Judith, seit September 2000). Zusätzlich
meist einen deutschen Volunteer.
Die Kinder sind in zwei Klassen nach Alter und Bedürfnissen aufgeteilt (5-14 Jahre/ 9-20 Jahre).
Die
Schüler kommen alle aus Wa, da die Schule eine Tagesschule ist und die
Kinder mittags wieder zu ihren Familien zurückgehen. Bis auf Gilbert,
Thomas und Felicia laufen die SchülerInnen selbständig nach Hause und
kommen morgens auch alleine. Der Unterricht findet von 8-13 Uhr statt.
5. Unterricht
In
diesem Bereich dauerte es lange, bis ich mich mit der ghanaischen
Einstellung zur Arbeit anfreunden konnte. Den Spruch „Zeit ist Geld“
gibt es wohl nicht in Ghana. Jeder hat viel Zeit, die Lehrer scheinen
häufig nicht motiviert. Sie geben keinen Unterricht, schlafen oder
halten Unterrichtsstunden, von denen mindestens die Hälfte der Schüler
nichts versteht. Viele Sachen werden immer wieder auf die selbe Art und
Weise wiederholt, so dass die Kinder sich langweilen. Einen Stundenplan
gab es nicht mit der Begründung, „Die Kinder sind behindert, da muss
der Unterricht individuell auf sie Tag für Tag neu abgestimmt
sein.“ Eine gute Idee, doch dies passierte meiner Beobachtung
nach nicht. Ich bin der Ansicht, dass man auch hierfür eine
Orientierung braucht, wann ich die Kinder wie am besten fördere.
Ich
versuchte zu erklären, dass gerade Kinder mit einer geistigen
Behinderung eine Routine brauchen. Durch den Stundenplan wüssten Kinder
wie Lehrer, was sie wann zu tun hätten. Mein Vorschlag wurde angenommen
und wir erstellten einen Stundenplan, der jedoch nur in den ersten
Tagen befolgt wurde. Dann wurde wieder nichts gemacht. So langsam
entwickelte sich jedoch eine Routine, die ich kurz schildern möchte.
Der
Tag begann mit dem Ankommen der Kinder ab 8 Uhr. Ich hatte Puzzles,
Memory, Domino und andere Brettspiele von zuhause mitgebracht, mit
denen die Kinder sich bis 8.30 Uhr frei beschäftigen konnten.
Um
8.30 Uhr begannen wir mit Sport, der meistens von Abdallah geleitet
wurde. Um 9 Uhr war Main Lesson bis zur Pause um 10 Uhr, in der immer
zu bestimmten Themen gearbeitet wurde. Ich behandelte die Themen
„Fruits and Vegetables“, „Communication“, „Animals“, „Family“ und wir
machten zwei Projektwochen zu Ghana-Germany.
Nach
der Pause um 10.30 Uhr arbeiteten wir mit Ton, Papiermaschee, bauten
Drachen, malten Bilder mit Wachsstiften oder Tusche, spielten Spiele,
übten den Umgang mit der Schere, fertigten Halskettten an, gingen zur
Telekom und zur Feuerwehr sowie einige Male zur Bücherei von Wadeaf. Es
kam häufig vor, dass einer der beiden Lehrer nicht anwesend war, so
dass ich den Unterricht übernahm, obwohl dies laut Headmaster nicht
meine Aufgabe war. Es war auch oft so, dass keiner von beiden da war
und ich mit Judiths Unterstützung oder alleine die Kinder beschäftigen
musste. Das fiel mir zu Beginn meines Aufenthaltes sehr schwer. 26
Kinder mit unterschiedlichsten Bedürfnissen zu unterrichten, ist
manchmal nicht einfach, doch mit der Zeit gewöhnte ich mich besser ein.
Doch das Herausnehmen einzelner Schüler aus dem Unterricht der anderen
Lehrer fand nur ein paar Mal statt. Meistens war es so, dass ich die
einzige war, die ein Interesse am Unterrichten hatte. Abdallah
unterstützte mich beim Unterrichten, wenn ich ihm Anweisungen gab. Das
war sehr hilfreich und ein kleiner Ansatz von Teamteaching. Mit ihm
machte es Spaß zu unterrichten.
6. Ghana-Deutschland-Projekt
Seit
Bestehen der Schule war auch immer ein Volunteer an der MH-Unit. Ich
wollte, dass die Kinder wissen, wo diese herkommen und wie es dort
aussieht. Die Kinder sollten verstehen, dass es Gegenden gibt, wo es
kälter ist, wo das Essen anders ist, wo die Menschen eine andere Kultur
haben. Aus diesem Grund plante ich eine Ghana-Deutschland-Woche, die
sich auf zwei Wochen ausdehnte.
Kurz vor
meinem Abflug nach Ghana entwickelte sich die Idee, eine
Brieffreundschaft zwischen der MH-Unit und einer 3. Klasse aus
Oldenburg im Sachunterricht aufzubauen. Die Klasse in Oldenburg sollte
Briefe an die Unit schicken und umgekehrt.
Ende
November schrieb ich den ersten Brief nach Oldenburg, der in der Klasse
vorgelesen wurde und erklärte den Kindern, wie es in Ghana, im
Speziellen in Wa, aussieht. Sie waren sehr interessiert und schickten
jeder einen Brief mit Fragen an mich. Diesen Brief zeigte ich meinen
Schülern, die wiederum Bilder malten für die Oldenburger Kinder.
Nach Weihnachten kam ein zweiter Brief aus Oldenburg und wieder antworteten wir.
In
der Ghana-Deutschland-Woche sprachen wir über das Wetter, die Häuser,
fanden heraus, wie weit Deutschland von Ghana entfernt liegt und wie
lange Auto, Fahrrad, Schiff und Flugzeug brauchen und was man in der
Zeit, in der ich im Flugzeug nach Ghana sitze alles machen kann,
probierten deutsches Essen und ghanaische Süßigkeiten, bastelten
Deutschland-Fahnen und Ghana-Fahnen, Drachen, spielten deutsche Spiele,
tanzten zu ghanaischer Musik, spielten ein deutsches Märchen nach,
lasen eine ghanaische Geschichte vor und ordneten verschiedene
Gegenstände und Fotos dem entsprechenden Land zu.
Die Schüler waren sehr motiviert und arbeiteten toll mit!
7. A German Fairytale: Haensel and Gretel
In
einer Stunde im Rahmen der Ghana-Deutschland-Woche erzählte ich den
Kindern das deutsche Märchen Hänsel und Gretel. Die Kinder sollten es
nachspielen. Ich hatte einfache Requisiten (Tücher, Steine,
Papierschnipsel als Kekskrümel, Tisch als Ofen, Tisch als Käfig)
vorbereitet. Wir suchten die „Darsteller“ aus, die dann während des
Erzählens der Geschichte entsprechende Handlungen durchführten. Die
Schüler hatten großen Spaß daran, vor allem beim Stoßen der alten Dame
(Hexe) in den Ofen und beim Aufsammeln der Papierschnipsel als Vögel.
Hier nun die Geschichte:
A German Fairytale: Haensel and Gretel
Once
upon a time there was a father and a mother who had two children. The
boy was called Haensel and the girl was called Gretel.
The
family was very poor. Often the children had to go to bed without
having supper. Then they were lying in their beds and couldn’t fall
asleep.
One evening, they were sent to bed again without food, they heard their parents talking.
Mother: We don’t have enough food for us and the children. We have to send the children away.
The father was very upset/unhappy about it but he agreed.
Haensel and Gretel heard this and collected stones, so that they should put them on the path to find their way back home.
The
next morning they all went into the deep dark forest and Haensel
dropped a stone from time to time. When the parents left their
children, they followed the stones and reached their house. The parents
were happy to see them.
But
after a few weeks they again haven’t had enough food, so they decided
again to send their children away. This time Haensel couldn’t collect
stones because the door was locked but he had biscuits in his pocket.
The following morning they went into the deep dark forest and Haensel dropped a piece of biscuit from time to time.
When the parents left the children alone they tried to find their way back but the birds have picked up all the biscuit-pieces.
They
lost their way and were very sad. Suddenly they reached a strange
looking house. They knocked at the door and a very old woman opened the
door. She let the children come in. When they were in the house she put
Haensel into a cage and Gretel hat to work hard. The old woman fed
Haensel in the cage with al lit of nice food so he became very fat.
When he was fat enough, she wanted to eat him.
She made the oven ready but just when she wanted to throw Haensel in Gretel pushed the old woman into the oven.
So the children were free.
The
old woman had a lot of food and money which they all took to their
parents. The parents were happy to see Haensel and Gretel alive and
they happily lived together for the rest of their life.
8. Hausbesuche
Nach
den Weihnachtsferien äußerte ich den Wunsch, einige der Kinder zuhause
zu besuchen. Abdallah und Louis fanden dies gut und so zogen wir
gemeinsam los und besuchten die Kinder.
Joe
war schon lange nicht mehr in die Schule gekommen. Als wir bei ihm
ankamen, erklärte er uns, dass seine Beine zu schwach seien. Er schaffe
nicht den Weg zur Schule. Ein Rollstuhl ist für ihn bestellt, doch der
wird frühestens im Juni da sein, so dass er bis dahin nicht die Schule
besuchen kann.
Zulifata und Asifa sind Geschwister, wir wurden von der Mutter freundlich empfangen.
als
wir nach Hawawu fragten, kam sie aus dem Haus und sprang Abdallah in
die Arme. Sie freute sich sehr. Ihre Eltern waren nicht zu Hause, doch
der Vater erklärte später auf einem PTA-Meeting (=
Parents-Teacher-Association. Eltern und Lehrer treffen sich für einen
gemeinsamen Austausch), dass der Schulweg zu lang sei und Hawawu
deshalb nicht mehr käme. Nach unserem Besuch war sie wieder regelmäßig
in der Schule.
Eric kam während meiner
Praktikumszeit nur drei Mal in die Schule. Auch er hat Probleme mit dem
Laufen und schafft den Schulweg nicht. Ich brachte ihm ein paar Spiele,
ein Heft und Stifte, damit er etwas zu tun hat.
Diese
Hausbesuche waren sehr spannend und gaben einen kleinen Einblick, wie
die Kinder leben, jedoch vor allem, wie weit sie von der Schule
entfernt wohnen. Da ist es nicht verwunderlich, dass viele der Kinder
verspätet bei der Schule ankommen.
9. Ausflüge/Exkursionen
Als
Ergänzung zum Unterricht unternahmen wir einige Ausflüge, um den
Kindern ein besseres Verständnis zu ermöglichen. Unser erster Ausflug
ging zu den Vocational Classes von Wadeaf, wo die Kinder sehen konnten,
wie genäht, gewebt, Holz und Leder verarbeitet wird.
An
einem anderen Tag besuchten wir die Telekom. Da der Schulbus uns an dem
Tag nicht zur Verfügung stand, liefen wir in die Stadt. Es war ein
langer Weg in der Hitze. Bei der Telekom wurden uns verschiedene
Schaltstellen gezeigt und einige der Kinder durften telefonieren. Auf
dem Rückweg legten wir eine Wassertrinkpause ein, bevor es zum
Mittagessen zurück zur Schule ging.
Im
Rahmen der Einheit „Obst und Gemüse“ ließen wir uns den Garten von
Wadeaf erklären. Viele der Kinder konnten die Pflanzen dem
entsprechenden Gemüse zuordnen und wussten, wie sie zu pflegen sind.
Der
letzte Ausflug ging zur Feuerwehr, wo zwei Feuerwehrmänner uns das
Feuerwehrauto erklärten. Die Kinder durften sogar im Feuerwehrwagen
sitzen und einen Feuerwehrhelm aufprobieren. Probus durfte den
Wasserhydranten aufdrehen!
10. Tagebuchausschnitte zu:
11. März 2002:
Ich
hatte ein interessantes Gespräch mit einem körperbehinderten Mann auf
der Strasse. Er hatte einen Rollstuhl oder wie dieses Gefährt auch
immer genannt wird, den er von einem Weißen gesponsert bekam.
Ursprünglich kommt er aus Funsi, lebt jedoch seit 1984 in Wa. Er
ernährt sich durch Freunde oder “Spenden” auf der Strasse. Er ist ca.
32 Jahre alt, nie zur Schule gegangen, ohne Kontakt zu seiner Familie,
geistig jedoch nicht beeinträchtigt. Seine Beine sind nicht stark
genug. Als Kind bewegte er sich auf den Händen und Knien fort.
Samstag, 16. März 2002
Nachdem
ich am Mittwoch mit Louis und Abdallah beim ADD und RCFPWI war, fanden
wir heraus, dass Joes „Wheelchair“ bestellt sei, der Mann, der ihn
baut, jedoch für die gesamte Upper West Region zuständig sei und es
deswegen so lange dauere. Vielleicht käme er im Juni.
ADD
ist die einzige Organisation, die sich die Unterstützung Behinderter in
Ghana zum Hauptziel gemacht hat. Sie ist eine Britische Organisation
(=Action on Disability and Development). Sie haben zunächst die Miete
für das Haus am Markt bezahlt, was jedoch nun der Staat frei zur
Verfügung stellt. Der Social Welfare hat kein Geld zum Unterstützen zur
Verfügung, hilft aber ab und zu anderweitig.
Das
Recource Center for People with Impairments am Markt gilt als
Trainingscenter und Treffpunkt. Es stehen Nähmaschinen zur Verfügung
und es kann gewebt werden. Es gibt eine Angestellte, alle anderen
arbeiten freiwillig dort. Samstags treffen sich dort verschiedene
Gruppen (u.a. Eltern von Kindern mit Behinderungen; Blinde; Gehörlose;
Körperbehinderte).
Zweimal pro Woche
(Dienstags, 6.30 Uhr Radio Progress und Samstags 10.30 Uhr Radio Upper
West) gibt es jeweils ein halbstündiges Gespräch über Behinderung.
Heute war das Thema Heirat.
Eine blinde
Frau erzählte, dass sie einen Freund hatte, der ihr sagte, er wolle sie
heiraten. Als sie ihn „auf die Probe“ stellte, um zu testen, ob er es
wirklich ernst mit ihr meint, erzählte sie ihm, sie sei schwanger. Er
reagierte mit Abwehr und erklärte ihr, er bräuchte eine Frau, die seine
Mutter bei der Arbeit unterstützt und dass sie das Kind abtreiben
solle. Er gab ihr das Geld für die Abtreibung und sie trennten sich.
Sie sah den Mann nie wieder.
Eine andere
Geschichte war die Beziehung zwischen zwei Behinderten, die heiraten
wollten, doch die Familie war damit nicht einverstanden. Sie übte Druck
auf die beiden aus, weil sie die Heirat nicht für richtig hielten, so
dass die beiden immer noch nicht verheiratet sind.
Die
Gesellschaft solle toleranter sein und sehen, dass Behinderte auch was
können und nicht nutzlos sind. Die Sprecherin forderte die Zuhörer auf,
WaBlind zu besuchen, wo gewebt wird und eine blinde Frau die Pflanzen
gießt und Unkraut zupft („Sogar Weiße seien vorbeigekommen, um sie
dabei zu fotografieren.“). Eine recht interessante Radiosendung!
12. Abschließende Reflektion
Die
Kultur Ghanas ist nicht zu vergleichen mit der Kultur Deutschlands.
Alles ist anders und es dauert eine Weile, bis der Kulturschock
überwunden ist, bevor man richtig „anfangen“ kann. Die Zeit vergeht wie
im Fluge, kaum war ich angekommen, musste ich auch schon wieder gehen.
Das ist schade, doch während meines Studiums wäre ein längerer
Aufenthalt problematisch gewesen.
Ich habe
viele liebe Menschen in Ghana, jedoch vor allem in Wa getroffen und bin
froh, dass ich die Möglichkeit dazu hatte. Alle waren sehr freundlich
und hilfsbereit zu mir.
Doch mit der
ghanaischen Arbeitsweise hatte ich so manche Probleme. Ich konnte mich
einfach nicht daran gewöhnen, dass man einen ganzen Vormittag keinen
Unterricht macht und stattdessen nur „rumhängt“, während die Kinder
sich vor lauter Langeweile gegenseitig ärgern, bis einer weint. Die
Kinder waren untereinander oft sehr grob zueinander. Ich hatte oft
Probleme, sie durch Worte zu beruhigen, da sie es gewöhnt sind, dass
ein Erwachsener auf andere Art (z.B. körperliche Züchtigung) reagiert.
Ich
bin jedoch auch der Ansicht, dass ich nur meine persönlichen Eindrücke
schildern kann und dies in diesem Bericht ausschnittsweise versucht
habe. Ein Anderer wird einen Aufenthalt in Ghana und speziell in Wa
sicherlich anders erleben und andere Eindrücke hervorheben. Außerdem
möchte ich nicht über die Lebensweise und Einstellung der Ghanaer
urteilen. Ich komme aus einem anderen Land und kenne mich nicht aus und
werde mich auch nie genug in der ghanaischen Kultur auskennen. Ich habe
einen anderen kulturellen Hintergrund und bin durch meine Vergangenheit
sehr geprägt. Es gibt sicherlich für viele, mir als unverständlich
vorkommende Handlungsweisen, Erklärungen, die ich einfach nicht
kenne.
Insgesamt war es eine
interessante Erfahrung und ich bin sehr froh, die Möglichkeit gehabt zu
haben, in die ghanaische Kultur und das dortige Leben
hineinzuschnuppern.
Ich hoffe, dass der
Kontakt zur Schule aufrecht erhalten werden kann und dass ich weiterhin
an der Entwicklung der Schule als auch der Kinder teilhaben kann.