Erfahrungsbericht über ein Praktikum in der Unit for the mentally handicapped in Wa
 
1. November 2001 – 10. April 2002

von Ilva Stindl


0. Vorbemerkung

Nun bin ich schon seit einer Weile wieder in Deutschland und habe mich (fast) wieder an den hiesigen Alltag gewöhnt. Und doch ist es nicht so wie vor meinem Aufenthalt in Ghana. Ich habe einige meiner Einstellungen verändert und habe gelernt, viele Sachen wieder mehr zu schätzen. Als ich in Ghana war freute ich mich u.a. darauf, endlich wieder Käse es­sen zu können. Als ich dann hier war, hatte ich in den ersten zwei Wochen Magen-Darm-Be­schwerden, die mir den Genuss des Käses deutlich erschwerten. Im Grunde genommen störte das jedoch nicht. Es gibt Wichtigeres im Leben!
Wenn ich gefragt werde, was ich mir aus Ghana mitgebracht habe, dann antworte ich „Zeit“. Das klingt vielleicht komisch und ist für Außenstehende aus nicht nachvollziehbar (Ich bin wie immer ständig unterwegs), doch ich fühle in mir, dass ich die Zeit mehr schätze und sie entsprechend mehr genieße.
Das ist ein schönes Mitbringsel und ich hoffe, ich kann es mir noch lange bewahren!

Ich habe in diesem Bericht versucht, einige wenige meiner Erfahrungen, Beobachtungen und Eindrücke zu sammeln. Es ist ein kleiner Ausschnitt von dem, was ich in Ghana erlebt habe, doch das alles in den Computer zu tippen würde viele, viele Tage dauern. Wer mehr Informationen haben möchte, kann sich jederzeit bei mir melden oder aber mein Tagebuch lesen. Dort sind meine guten und schlechten Eindrücke und Launen festgehalten.


1. Warum ein Praktikum in Ghana?

Seit Beginn meines Studiums im Jahre 1998 beschäftige ich mich mit der Problematik „Be­hinderung und Dritte Welt“,  zu der an der Uni Oldenburg regelmäßig Seminare angeboten werden. Ich besuchte mehrere Seminare zu diesem Thema und nahm mir vor, eines Tages selbst in ein afrikanisches Land zu gehen und dort ein Praktikum zu absolvieren. Doch immer wieder kam etwas dazwischen und nie schien der richtige Zeitpunkt zu sein, bis ich nach mehreren Anfragen bei verschiedenen Einrichtungen eine Zusage von Klaus Jahn für Ghana bekam.
In meinem Bewerbungsschreiben wird meine Intention deutlich, warum ich es für richtig halte, nach Ghana zu gehen und welche Vorerfahrungen ich hatte.

(…) I’m a 23 year old student in Oldenburg who wants to become a teacher for chil­dren with mentally and physically disabilities. I am studying now since October 1998 and still like it.

Before starting university I have worked in a school for physically disabled children and after that I lived in England for a year in a Camphill-Community together with children and adults with special needs. I stayed in a house with 12 children between 6 and 16 years and was re­sponsible for a 12 year old boy and a 14 year old Teen­ager. Both weren’t able to speak and needed a lot of help in their daily needs. I lived there as their “mum” (that’s how I felt) and helped them in their daily routine. I also helped out at school as a class assistant. It was a hard but great year and I learned a lot.
I still keep in touch with the Community and the family of the younger boy. Last year I helped out in the holidays and looked after him in his family. Now I am planning to look after him in august for two weeks in his holidays. In September I still need to do a practical work in Ger­many at a school for children with physical disabilities as part of my studies. (…)

Before finishing university I would like to get some new impressions and learn more about the life and work with children with special needs in other countries, especially poorer coun­tries where I guess special children live a very hard life. I would love to get to know more about their life.

That’s the reason why I would like to go to Ghana as a voluntary to work and live there with children with special needs, mentally and physically. A school-friend from my father lives in Eikwe as a sister and works there as a doctor for many years. Every year we are collecting money for the hospital she works in. Sometimes she is coming for a visit to my hometown Bremerhaven. I was always very interested in her stories about her life in Ghana. She brought the country closer to me and woke up my inter­ests in this country. So I would like to get to know it closer now.
The work with children with special needs is something I am really interested in. I would love to get to know more about those children in Ghana. (…)



2. Ankommen in Ghana - Erste Eindrücke – Kulturelle Einführung

Am 1. November 2001 war es dann soweit. Ich stand am Flughafen und wartete auf den Ab­flug nach Accra. Nach einem Flug von Bremen nach Amsterdam ging es weiter nach Accra, wo ich abends um 20.30 Uhr ankam. Ich holte mein Gepäck und verließ das Flughafenge­bäude. Dort erwartete mich eine Hitzewand und der typische Ghana-Geruch. Die Luft stand still.
Miriam, Martin Gozah und Constance holten mich ab. Wir setzten Constance bei ihrer Woh­nung ab und fuhren weiter nach Battor, wo Martin als Schulleiter und Miriam momentan als Volunteer arbeiten. Dort bekamen wir noch Reis zum Abendbrot, bevor es dann ins Bett ging. Ich war sehr müde, doch die erste Nacht war heiß. Ich konnte kaum schlafen.

In den nächsten Tagen schaute ich mir die Schule an, spielte mit den Kindern, lernte Battor und seine Leute kennen, fuhr mit Martin nach Accra und führte ein Gespräch mit Martin über die ghanaische Kultur.
Nach einer Woche sollte es per STC-Vanef-Bus (= Ghanaische Busgesellschaft) von Accra nach Wa gehen. Martin sollte mich begleiten.
Wir fuhren nach Accra und mussten dort feststellen, dass der Bus nicht an jenem Tage fuhr und die folgenden Tage schon ausgebucht war. So wurde aus der einen Woche Battor zwei Wochen. Ich war enttäuscht und wollte endlich dort ankommen, wo ich die nächsten Monate leben würde – in Wa.


3. Ankommen in Wa

Nach einer langen Busfahrt, die, statt der vorgesehenen 12 Stunden, 15 Stunden dauerte, kamen wir nachts in Wa an. Ein Taxi brachte uns zum Haus des Headmasters von WaDeaf. Dieser war schon im Bett und wusste gar nichts von meinem Kommen. Er brachte mich vorerst in einem Hotel unter.
Am nächsten Tag zeigte er mir die Schule und die Unit for the mentally disabled (= MH-Unit). Die Unit liegt auf dem Gelände der Gehörlosenschule und untersteht dem Headmaster von WaDeaf. Ich lernte Louis, Judith und die Kinder kennen.
Am folgenden Tage konnte ich endlich in mein Zimmer, welches im Haus von Comfort, einer der Lehrerinnen von WaDeaf liegt. Dort wohnt sie mit ihren beiden Kindern Samuel und Asja.
Ich freute mich, nach 15 Tagen endlich in Wa angekommen zu sein!





4. Meine Schule –MH-Unit an WaDeaf

Die Unit for the mentally Handicapped (MH-Unit) ist erst im September 2000 entstanden. Das Gebäude besitzt drei Klassenräume, wobei es bisher 26 SchülerInnen gibt, die von Louis, Judith und Abdallah unterrichtet werden.
Abdallah kam Ende November nach Wa. Er hatte gerade sein Studium beendet, während die anderen schon seit Beginn der Unit dort tätig waren.
Louis ist für die älteren SchülerInnen zuständig, die im Alter von 9 und 20 Jahren sind, wäh­rend Abdallah mit Judith die jüngeren SchülerInnen im Alter von 5 und 14 Jahren unterrich­tete. Meine Aufgabe sollte darin bestehen, dass ich einzelne SchülerInnen oder Schülergrup­pen aus den Klassen herausnehme und sie entsprechend ihren Fähigkeiten fördern sollte.

Informationen aus einem Gespräch mit Louis:
Louis, Unit Head der MH-Unit an WaDeaf, kam hierher im Oktober 2000, nachdem er sein Uni-Studium in Cape Coast beendet hatte. Vorher lehrte er für 4 Jahre an der Universität seine Sprache und davor war er Englisch- und Social-Studies-Teacher und Headmaster einer JSS (= Junior Secondary School. Das entspricht unseren 7.-9. Klassen). Er ist 51 Jahre alt.
Bevor er nach Wa kam, hospitierte er an der Schule für geistig Behinderte in Kumasi und absolvierte ein vier­wöchiges Praktikum in Sekondi.
Als Louis nach Wa kam, hatte die Schule seit einem Monat begonnen. Sie bestand aus 28 SchülerInnen jeglichen Alters und der Unterricht fand in der Assembly Hall statt, da das Schulgebäude erst im Dezember zu beziehen war. Das Schulgebäude und die geplanten Er­weiterungspläne sind von der GTZ (= Gesellschaft für technische Zusammenarbeit Deutschland) bezahlt worden, die Schule gehört zum G.E.S. (= Ghana Education Servive. Sie ist also staatlich.).
Momentan gibt es drei Klassenräume und ein Office, in dem Materialien untergebracht sind. Es gibt zwei Lehrer (Louis, Abdallah seit November 2001) und eine Attendant (Judith, seit September 2000). Zusätzlich meist einen deutschen Volunteer.
Die Kinder sind in zwei Klassen nach Alter und Bedürfnissen aufgeteilt (5-14 Jahre/ 9-20 Jahre).
Die Schüler kommen alle aus Wa, da die Schule eine Tagesschule ist und die Kinder mittags wieder zu ihren Familien zurückgehen. Bis auf Gilbert, Thomas und Felicia laufen die Schüle­rInnen selbständig nach Hause und kommen morgens auch alleine. Der Unterricht findet von 8-13 Uhr statt.

5. Unterricht

In diesem Bereich dauerte es lange, bis ich mich mit der ghanaischen Einstellung zur Arbeit anfreunden konnte. Den Spruch „Zeit ist Geld“ gibt es wohl nicht in Ghana. Jeder hat viel Zeit, die Lehrer scheinen häufig nicht motiviert. Sie geben keinen Unterricht, schlafen oder halten Unterrichtsstunden, von denen mindestens die Hälfte der Schüler nichts versteht. Viele Sachen werden immer wieder auf die selbe Art und Weise wiederholt, so dass die Kinder sich langweilen. Einen Stundenplan gab es nicht mit der Begründung, „Die Kinder sind behindert, da muss der Unterricht individuell auf sie Tag für Tag neu abgestimmt sein.“  Eine gute Idee, doch dies passierte meiner Beobachtung nach nicht. Ich bin der Ansicht, dass man auch hier­für eine Orientierung braucht, wann ich die Kinder wie am besten fördere.
Ich versuchte zu erklären, dass gerade Kinder mit einer geistigen Behinderung eine Routine brauchen. Durch den Stundenplan wüssten Kinder wie Lehrer, was sie wann zu tun hätten. Mein Vorschlag wurde angenommen und wir erstellten einen Stundenplan, der jedoch nur in den ersten Tagen befolgt wurde. Dann wurde wieder nichts gemacht. So langsam entwickelte sich jedoch eine Routine, die ich kurz schildern möchte.
Der Tag begann mit dem Ankommen der Kinder ab 8 Uhr. Ich hatte Puzzles, Memory, Do­mino und andere Brettspiele von zuhause mitgebracht, mit denen die Kinder sich bis 8.30 Uhr frei beschäftigen konnten.
Um 8.30 Uhr begannen wir mit Sport, der meistens von Abdallah geleitet wurde. Um 9 Uhr war Main Lesson bis zur Pause um 10 Uhr, in der immer zu bestimmten Themen gearbeitet wurde. Ich behandelte die Themen „Fruits and Vegetables“, „Communication“, „Animals“, „Fa­mily“ und wir machten zwei Projektwochen zu Ghana-Germany.
Nach der Pause um 10.30 Uhr arbeiteten wir mit Ton, Papiermaschee, bauten Drachen, malten Bilder mit Wachsstiften oder Tusche, spielten Spiele, übten den Umgang mit der Schere, fer­tigten Halskettten an, gingen zur Telekom und zur Feuerwehr sowie einige Male zur Bücherei von Wadeaf. Es kam häufig vor, dass einer der beiden Lehrer nicht anwesend war, so dass ich den Unterricht übernahm, obwohl dies laut Headmaster nicht meine Aufgabe war. Es war auch oft so, dass keiner von beiden da war und ich mit Judiths Unterstützung oder alleine die Kinder beschäftigen musste. Das fiel mir zu Beginn meines Aufenthaltes sehr schwer. 26 Kinder mit unterschiedlichsten Bedürfnissen zu unterrichten, ist manchmal nicht einfach, doch mit der Zeit gewöhnte ich mich besser ein. Doch das Herausnehmen einzelner Schüler aus dem Unterricht der anderen Lehrer fand nur ein paar Mal statt. Meistens war es so, dass ich die einzige war, die ein Interesse am Unterrichten hatte. Abdallah unterstützte mich beim Unterrichten, wenn ich ihm Anweisungen gab. Das war sehr hilfreich und ein kleiner Ansatz von Teamteaching. Mit ihm machte es Spaß zu unterrichten.

6. Ghana-Deutschland-Projekt

Seit Bestehen der Schule war auch immer ein Volunteer an der MH-Unit. Ich wollte, dass die Kinder wissen, wo diese herkommen und wie es dort aussieht. Die Kinder sollten verstehen, dass es Gegenden gibt, wo es kälter ist, wo das Essen anders ist, wo die Menschen eine andere Kultur haben. Aus diesem Grund plante ich eine Ghana-Deutschland-Woche, die sich auf zwei Wochen ausdehnte.
Kurz vor meinem Abflug nach Ghana entwickelte sich die Idee, eine Brieffreund­schaft zwischen der MH-Unit und einer 3. Klasse aus Oldenburg im Sachunterricht aufzubauen. Die Klasse in Oldenburg sollte Briefe an die Unit schicken und umgekehrt.
Ende November schrieb ich den ersten Brief nach Oldenburg, der in der Klasse vorgelesen wurde und erklärte den Kindern, wie es in Ghana, im Speziellen in Wa, aussieht. Sie waren sehr interessiert und schickten jeder einen Brief mit Fragen an mich. Diesen Brief zeigte ich meinen Schülern, die wiederum Bilder malten für die Oldenburger Kinder.
Nach Weihnachten kam ein zweiter Brief aus Oldenburg und wieder antworteten wir.
In der Ghana-Deutschland-Woche sprachen wir über das Wetter, die Häuser, fanden heraus, wie weit Deutschland von Ghana entfernt liegt und wie lange Auto, Fahrrad, Schiff und Flug­zeug brauchen und was man in der Zeit, in der ich im Flugzeug nach Ghana sitze alles ma­chen kann, probierten deutsches Essen und ghanaische Süßigkeiten, bastelten Deutschland-Fahnen und Ghana-Fahnen, Drachen, spielten deutsche Spiele, tanzten zu ghanaischer Musik, spielten ein deutsches Märchen nach, lasen eine ghanaische Geschichte vor und ordneten ver­schiedene Gegenstände und Fotos dem entsprechenden Land zu.
Die Schüler waren sehr motiviert und arbeiteten toll mit!

7. A German Fairytale: Haensel and Gretel

In einer Stunde im Rahmen der Ghana-Deutschland-Woche erzählte ich den Kindern das deutsche Märchen Hänsel und Gretel. Die Kinder sollten es nachspielen. Ich hatte einfache Requisiten (Tücher, Steine, Papierschnipsel als Kekskrümel, Tisch als Ofen, Tisch als Käfig) vorbereitet. Wir suchten die „Darsteller“ aus, die dann während des Erzählens der Geschichte entsprechende Handlungen durchführten. Die Schüler hatten großen Spaß daran, vor allem beim Stoßen der alten Dame (Hexe) in den Ofen und beim Aufsammeln der Papierschnipsel als Vögel. Hier nun die Geschichte:

A German Fairytale: Haensel and Gretel
Once upon a time there was a father and a mother who had two children. The boy was called Haensel and the girl was called Gretel.
The family was very poor. Often the children had to go to bed without having supper. Then they were lying in their beds and couldn’t fall asleep.
One evening, they were sent to bed again without food, they heard their parents talking.
Mother: We don’t have enough food for us and the children. We have to send the children away.
The father was very upset/unhappy about it but he agreed.
Haensel and Gretel heard this and collected stones, so that they should put them on the path to find their way back home.
The next morning they all went into the deep dark forest and Haensel dropped a stone from time to time. When the parents left their children, they followed the stones and reached their house. The parents were happy to see them.
But after a few weeks they again haven’t had enough food, so they decided again to send their children away. This time Haensel couldn’t collect stones because the door was locked but he had biscuits in his pocket.
The following morning they went into the deep dark forest and Haensel dropped a piece of biscuit from time to time.
When the parents left the children alone they tried to find their way back but the birds have picked up all the biscuit-pieces.
They lost their way and were very sad. Suddenly they reached a strange looking house. They knocked at the door and a very old woman opened the door. She let the children come in. When they were in the house she put Haensel into a cage and Gretel hat to work hard. The old woman fed Haensel in the cage with al lit of nice food so he became very fat.
When he was fat enough, she wanted to eat him.
She made the oven ready but just when she wanted to throw Haensel in Gretel pushed the old woman into the oven.
So the children were free.
The old woman had a lot of food and money which they all took to their parents. The parents were happy to see Haensel and Gretel alive and they happily lived together for the rest of their life.


8. Hausbesuche

Nach den Weihnachtsferien äußerte ich den Wunsch, einige der Kinder zuhause zu besuchen. Abdallah und Louis fanden dies gut und so zogen wir gemeinsam los und besuchten die Kin­der.
Joe war schon lange nicht mehr in die Schule gekommen. Als wir bei ihm ankamen, erklärte er uns, dass seine Beine zu schwach seien. Er schaffe nicht den Weg zur Schule. Ein Rollstuhl ist für ihn bestellt, doch der wird frühestens im Juni da sein, so dass er bis dahin nicht die Schule besuchen kann.
Zulifata und Asifa sind Geschwister, wir wurden von der Mutter freundlich empfangen.
als wir nach Hawawu fragten, kam sie aus dem Haus und sprang Abdallah in die Arme. Sie freute sich sehr. Ihre Eltern waren nicht zu Hause, doch der Vater erklärte später auf einem PTA-Meeting (= Parents-Teacher-Association. Eltern und Lehrer treffen sich für einen gemeinsamen Austausch), dass der Schulweg zu lang sei und Hawawu deshalb nicht mehr käme. Nach unserem Besuch war sie wieder regelmäßig in der Schule.
Eric kam während meiner Praktikumszeit nur drei Mal in die Schule. Auch er hat Probleme mit dem Laufen und schafft den Schulweg nicht. Ich brachte ihm ein paar Spiele, ein Heft und Stifte, damit er etwas zu tun hat.
Diese Hausbesuche waren sehr spannend und gaben einen kleinen Einblick, wie die Kinder leben, jedoch vor allem, wie weit sie von der Schule entfernt wohnen. Da ist es nicht verwun­derlich, dass viele der Kinder verspätet bei der Schule ankommen.

9. Ausflüge/Exkursionen

Als Ergänzung zum Unterricht unternahmen wir einige Ausflüge, um den Kindern ein besse­res Verständnis zu ermöglichen. Unser erster Ausflug ging zu den Vocational Classes von Wadeaf, wo die Kinder sehen konnten, wie genäht, gewebt, Holz und Leder verarbeitet wird.
An einem anderen Tag besuchten wir die Telekom. Da der Schulbus uns an dem Tag nicht zur Verfügung stand, liefen wir in die Stadt. Es war ein langer Weg in der Hitze. Bei der Telekom wurden uns verschiedene Schaltstellen gezeigt und einige der Kinder durften telefonieren. Auf dem Rückweg legten wir eine Wassertrinkpause ein, bevor es zum Mittagessen zurück zur Schule ging.
Im Rahmen der Einheit „Obst und Gemüse“ ließen wir uns den Garten von Wadeaf erklären. Viele der Kinder konnten die Pflanzen dem entsprechenden Gemüse zuordnen und wussten, wie sie zu pflegen sind.
Der letzte Ausflug ging zur Feuerwehr, wo zwei Feuerwehrmänner uns das Feuerwehrauto erklärten. Die Kinder durften sogar im Feuerwehrwagen sitzen und einen Feuerwehrhelm aufprobieren. Probus durfte den Wasserhydranten aufdrehen!


10. Tagebuchausschnitte zu:


11. März 2002:
Ich hatte ein interessantes Gespräch mit einem körperbehinderten Mann auf der Strasse. Er hatte einen Rollstuhl oder wie dieses Gefährt auch immer genannt wird, den er von einem Weißen gesponsert bekam. Ursprünglich kommt er aus Funsi, lebt jedoch seit 1984 in Wa. Er ernährt sich durch Freunde oder “Spenden” auf der Strasse. Er ist ca. 32 Jahre alt, nie zur Schule gegangen, ohne Kontakt zu seiner Familie, geistig jedoch nicht beeinträchtigt. Seine Beine sind nicht stark genug. Als Kind bewegte er sich auf den Händen und Knien fort.

Samstag, 16. März 2002
Nachdem ich am Mittwoch mit Louis und Abdallah beim ADD und RCFPWI war, fanden wir heraus, dass Joes „Wheelchair“ bestellt sei, der Mann, der ihn baut, jedoch für die gesamte Upper West Region zuständig sei und es deswegen so lange dauere. Vielleicht käme er im Juni.
ADD ist die einzige Organisation, die sich die Unterstützung Behinderter in Ghana zum Hauptziel gemacht hat. Sie ist eine Britische Organisation (=Action on Disability and Devel­opment). Sie haben zunächst die Miete für das Haus am Markt bezahlt, was jedoch nun der Staat frei zur Verfügung stellt. Der Social Welfare hat kein Geld zum Unterstützen zur Verfü­gung, hilft aber ab und zu anderweitig.
Das Recource Center for People with Impairments am Markt gilt als Trainingscenter und Treffpunkt. Es stehen Nähmaschinen zur Verfügung und es kann gewebt werden. Es gibt eine Angestellte, alle anderen arbeiten freiwillig dort. Samstags treffen sich dort verschiedene Gruppen (u.a. Eltern von Kindern mit Behinderungen; Blinde; Gehörlose; Körperbehinderte).
Zweimal pro Woche (Dienstags, 6.30 Uhr Radio Progress und Samstags 10.30 Uhr Radio Upper West) gibt es jeweils ein halbstündiges Gespräch über Behinderung. Heute war das Thema Heirat.
Eine blinde Frau erzählte, dass sie einen Freund hatte, der ihr sagte, er wolle sie heiraten. Als sie ihn „auf die Probe“ stellte, um zu testen, ob er es wirklich ernst mit ihr meint, erzählte sie ihm, sie sei schwanger. Er reagierte mit Abwehr und erklärte ihr, er bräuchte eine Frau, die seine Mutter bei der Arbeit unterstützt und dass sie das Kind abtreiben solle. Er gab ihr das Geld für die Abtreibung und sie trennten sich. Sie sah den Mann nie wieder.
Eine andere Geschichte war die Beziehung zwischen zwei Behinderten, die heiraten wollten, doch die Familie war damit nicht einverstanden. Sie übte Druck auf die beiden aus, weil sie die Heirat nicht für richtig hielten, so dass die beiden immer noch nicht verheiratet sind.
Die Gesellschaft solle toleranter sein und sehen, dass Behinderte auch was können und nicht nutzlos sind. Die Sprecherin forderte die Zuhörer auf, WaBlind zu besuchen, wo gewebt wird und eine blinde Frau die Pflanzen gießt und Unkraut zupft („Sogar Weiße seien vorbeige­kommen, um sie dabei zu fotografieren.“). Eine recht interessante Radiosendung!


12. Abschließende Reflektion

Die Kultur Ghanas ist nicht zu vergleichen mit der Kultur Deutschlands. Alles ist anders und es dauert eine Weile, bis der Kulturschock überwunden ist, bevor man richtig „anfangen“ kann. Die Zeit vergeht wie im Fluge, kaum war ich angekommen, musste ich auch schon wie­der gehen. Das ist schade, doch während meines Studiums wäre ein längerer Aufenthalt problematisch gewesen.
Ich habe viele liebe Menschen in Ghana, jedoch vor allem in Wa getroffen und bin froh, dass ich die Möglichkeit dazu hatte. Alle waren sehr freundlich und hilfsbereit zu mir.
Doch mit der ghanaischen Arbeitsweise hatte ich so manche Probleme. Ich konnte mich ein­fach nicht daran gewöhnen, dass man einen ganzen Vormittag keinen Unterricht macht und stattdessen nur „rumhängt“, während die Kinder sich vor lauter Langeweile gegenseitig är­gern, bis einer weint. Die Kinder waren untereinander oft sehr grob zueinander. Ich hatte oft Probleme, sie durch Worte zu beruhigen, da sie es gewöhnt sind, dass ein Erwachsener auf andere Art (z.B. körperliche Züchtigung) reagiert.
Ich bin jedoch auch der Ansicht, dass ich nur meine persönlichen Eindrücke schildern kann und dies in diesem Bericht ausschnittsweise versucht habe. Ein Anderer wird einen Aufenthalt in Ghana und speziell in Wa sicherlich anders erleben und andere Eindrücke hervorheben. Außerdem möchte ich nicht über die Lebensweise und Einstellung der Ghanaer urteilen. Ich komme aus einem anderen Land und kenne mich nicht aus und werde mich auch nie genug in der ghanaischen Kultur auskennen. Ich habe einen anderen kulturellen Hintergrund und bin durch meine Vergangenheit sehr ge­prägt. Es gibt sicherlich für viele, mir als unverständlich vor­kommende Handlungsweisen, Er­klärungen, die ich einfach nicht kenne.
Insgesamt war es eine interessante Erfahrung und ich bin sehr froh, die Möglichkeit gehabt zu haben, in die ghanaische Kultur und das dortige Leben hineinzuschnuppern.
Ich hoffe, dass der Kontakt zur Schule aufrecht erhalten werden kann und dass ich weiterhin an der Entwicklung der Schule als auch der Kinder teilhaben kann.




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